Kontrastprogramm

Nach dem dichten „Exposure“-Programm der letzten Tage gönnen wir uns einen Tag Urlaub im Paradies. Von Iloilo, Boomtown und Hauptstadt von Panay, sind wir zur kleinen Insel Naburot übergesetzt. Uns erwartet eine kleine Bucht mit Sandstrand unter Palmen, drumherum zauberhafte Pavillons. Toni, der Besitzer (lebte in den 80ern einige Jahre in Deutschland), bewirtet uns mit seinem Team fürstlich, angefangen von einer Muschelsuppe – ich weiß nicht, ob ich jemals etwas so köstliches gegessen habe – bis zu heißen, knusprigen Bananensticks zum Nachtisch. Nicht zu vergessen das eisgekühlte San Miguel und diverse andere Getränke. Schnorcheln und die Unterwasserwelt bestaunen, Bootchen fahren, am Strand chillen, unter einem Dach aus Palmblättern im Trockenen sitzen, während ein tropisches Gewitter niedergeht, den glühenden Abendhimmel kontemplieren, dem Konzert der Zikaden, diverser Vögel , unsichtbarer Geckos lauschen … Auf einen Martinsumzug am Strand mit Petroliumlaternen und Father Marc als Martin hoch zu Ross auf Andreas mit anschließendem Absingen kölscher Karnevalslieder hätte ich verzichten können, aber gut, schließlich hatten wir gestern den 11.11.

Sonntag erlebten wir katholische Kirche auf den Philippinen von einer ganz anderen Seite. Im Iloilo Convention Center, einem neuen Glaspalast in der Nähe des Flughafens, fand der internationale YouCat-Kongress statt. (YouCat ist die Umsetzung von Papst Johannes Pauls Erwachsenenkatechismus in Jugendsprache.) Christliche Popmusik, tanzende Jugendliche, riesige Videowände, Ansprachen, die von PowerPoint-Folien und Videoclips begleitet werden. Der Kongress bildete eine Art Abschluss des Jahres der Jugend, das in der philippinischen Kirche gerade zu Ende geht, in Vorbereitung auf das 500-jährige Jubiläum der Christianisierung, das 2021 gefeiert werden soll. „Beloved – gifted – empowered“: Christen sind von Gott geliebt, mit Gaben, Talenten beschenkt und befähigt, mit Kraft, Energie, Selbstbewusstsein etwas in dieser Welt zu bewegen –  unter diesem Motto stand das Jahr der Jugend.

Einmal abgesehen davon, ob die Landung Maghellans 1521 tatsächlich nur Grund zum Feiern ist – die eigentlich gute Botschaft blieb hier, zumindest nach Meinung von einigen, leider auf halbem Weg stecken, beschränkte sich auf das Religiöse. Was sie konkret bedeuten könnte, in Bezug auf die großen Menschheitsfragen, auf die aktuellen Herausforderungen in den Philippinen, kein Wort dazu. Greta Thunberg und die Demokratieaktivist*innen in Hong Kong dienten nur als Deko für die fromme Botschaft. Die Verbindung von Glaube und Leben, ein zentrales Anliegen der BECs – Fehlanzeige. Diese Begegnung der ganz anderen Art gab in unserer Gruppe Stoff für hitzige Diskussionen.

was soll man davon halten?

Anschließend wieder in die normale Welt eintauchen, in der Pfarrei San Miguel vor den Toren der Stadt. Wieder leckerer Lunch (diesmal besonders zu erwähnen der pinkfarbene Dragonfruit-Saft), dann Austausch in Kleingruppen. Wir führen ein interessantes Gespräch über gesellschaftliche Veränderungen in den Philippinen und bei uns. Wir erzählen von den Schwierigkeiten, in einer individualisierten Gesellschaft die Menschen noch zu Begegnung und Austausch zusammenzubringen. Die Philippinas berichten, wie sich in der Generation Smartphone Lebensgewohnheiten und Kommunikation verändern, nicht nur zum Besseren.

wir stellen uns vor in San Miguel

Gewöhnungsbedürftig ist für uns die Initiative der BECs hier, unverheiratet zusammenlebenden Paaren eine Massentrauung anzubieten. Zum einen geht es natürlich um den kirchlichen Segen, dann aber auch um die Möglichkeit, für arme Menschen ein Hochzeitsfest auszurichten, das sie sich sonst nicht leisten könnten. Das erleben wir öfter, dass soziale Initiativen auch das Ziel haben, Menschen stärker an die Kirche zu binden. Unseren sozialpastoralen Ansatz, Menschen unabhängig von ihrer Kirchenbindung in den Blick zu nehmen, scheint es hier nicht so zu geben.
Robert